Tauchen in der Ostsee: Wrack-Tauchen, Kaltwasserspots und die besten Tauchbasen

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Die Ostsee birgt schätzungsweise über 100.000 Wracks – mehr als jedes andere Binnenmeer der Welt
  • Niedriger Salzgehalt und kaltes, sauerstoffarmes Tiefenwasser konservieren Holzwracks außergewöhnlich gut
  • Wassertemperatur: 15-20 °C an der Oberfläche im Sommer, oft nur 4-8 °C in 15-20 m Tiefe
  • Trockenanzug + Spezialkurs sind für ernsthaftes Wracktauchen in der Ostsee praktisch Pflicht
  • Top-Reviere: Rügen, Fehmarn, Kieler Förde, dänische und schwedische Gewässer

Warum die Ostsee ein Wracktaucher-Paradies ist

Wer an Top-Tauchreviere denkt, hat meist tropische Riffe im Kopf – doch für Wracktaucher ist die Ostsee eines der spannendsten Gewässer der Welt. Der Grund liegt in einer einzigartigen Kombination natürlicher Faktoren: Der niedrige Salzgehalt der Ostsee (im Schnitt nur 0,7-1,5 % gegenüber 3,5 % im Atlantik) hält den gefürchteten Schiffsbohrwurm (Teredo navalis) weitgehend fern – jenes Tier, das anderswo Holzwracks innerhalb von Jahrzehnten vollständig zerfrisst.

Hinzu kommt das kalte, sauerstoffarme Tiefenwasser unterhalb der sogenannten Sprungschicht, das den biologischen Abbau von Holz und Metall erheblich verlangsamt. Das Ergebnis: In der Ostsee liegen Wracks, die anderswo längst zu Sand zerfallen wären – teils noch mit aufrecht stehenden Masten, intakten Holzplanken und sogar Ladung an Bord. Manche Funde sind mehrere hundert Jahre alt und archäologisch von Weltrang.

Die wichtigsten Wracktauch-Reviere

Rügen und Hiddensee

Vor der Küste Rügens liegen zahlreiche Wracks aus verschiedenen Epochen – von Segelschiffen des 19. Jahrhunderts bis zu Schiffen aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Region ist bei Tauchbasen in Sassnitz und Lohme gut erschlossen. Sichtweiten variieren stark mit Wetter und Jahreszeit – an guten Tagen sind 8-10 Meter möglich, nach Stürmen kann die Sicht auf unter 2 Meter sinken.

Fehmarn

Die Insel Fehmarn in der westlichen Ostsee ist einer der bekanntesten Tauchspots Deutschlands – nicht nur wegen ihrer Wracks, sondern auch wegen der felsigen Steinriffe und der relativ guten Erreichbarkeit. Mehrere Wracks liegen in tauchbarer Tiefe (12-25 m) und sind bei lokalen Tauchbasen als feste Ausfahrtsziele etabliert.

Kieler Förde und Eckernförder Bucht

Diese Region bietet eine hohe Dichte an Tauchspots in Sichtweite der Küste – ideal für Tagesausfahrten. Neben Wracks finden sich hier auch interessante Steingründe mit typischer Ostsee-Fauna: Dorsche, Plattfische, Seenadeln und im Sommer gelegentlich Quallen in großer Zahl.

Dänische und schwedische Gewässer

Jenseits der deutschen Grenze locken insbesondere die dänischen Belte und die schwedische Küste mit einer noch höheren Dichte an gut erhaltenen historischen Wracks – teilweise mit speziellen Tauchgenehmigungen für archäologisch bedeutsame Stätten. Wer ernsthaft ins Wracktauchen einsteigt, plant früher oder später eine Tour in diese Gewässer.

Die Herausforderung: Kaltwasser und die Sprungschicht

Der entscheidende Unterschied zum Tauchen im Roten Meer oder auf den Malediven ist die Temperaturschichtung. An einem warmen Sommertag kann die Oberflächentemperatur der Ostsee 18-20 °C erreichen – doch bereits ab etwa 10-15 Metern Tiefe triffst du auf die Sprungschicht (Thermokline), unterhalb der die Temperatur abrupt auf 4-8 °C fallen kann. Dieser Temperatursturz ist beim Abtauchen körperlich deutlich spürbar und stellt hohe Anforderungen an die Ausrüstung.

Für ernsthaftes Wracktauchen in der Ostsee – mit längeren Bodenzeiten an einem Wrack in 15-25 Metern Tiefe – ist ein Trockenanzug praktisch unverzichtbar. Details zur Wahl zwischen Trocken- und Nassanzug findest du in unserem ausführlichen Ratgeber. Ohne Trockenanzug-Ausbildung und entsprechende Ausrüstung wird ein Tauchgang an einem tiefer liegenden Wrack schnell zu einer unangenehmen, verkürzten Angelegenheit.

Sichtweite: Realistische Erwartungen

Ein wichtiger Unterschied zu tropischen Gewässern: Die Sichtweite in der Ostsee ist launisch. Nach Stürmen wird Sediment aufgewirbelt, im Spätsommer kommt oft eine Algenblüte hinzu, die das Wasser grün-trüb färbt und die Sicht teils auf unter 1 Meter reduziert. Die besten Sichtbedingungen findet man häufig im Spätwinter und frühen Frühjahr (Februar-April), wenn das Wasser kalt, aber algenfrei ist – allerdings dann bei Wassertemperaturen nahe dem Gefrierpunkt.

Für Einsteiger ins Ostsee-Tauchen empfehlen wir daher, die Erwartungen bewusst anzupassen: Es geht weniger um spektakuläre Weitsicht, sondern um das einzigartige Gefühl, einen Teil maritimer Geschichte zu entdecken – oft mit der Taschenlampe als wichtigstem Werkzeug, um Details im trüben Wasser sichtbar zu machen.

Verhaltensregeln beim Wracktauchen

Viele Wracks in der Ostsee stehen unter Denkmalschutz – insbesondere ältere Funde mit archäologischer Bedeutung. Grundregeln, die jeder verantwortungsvolle Taucher beachten sollte:

  • Nichts entnehmen: Auch scheinbar wertlose Gegenstände (Tonscherben, Metallteile) können archäologisch relevant sein und unterliegen oft dem Denkmalschutzrecht
  • Nicht in Wracks eindringen ohne Wrack-Spezialausbildung: Penetration in das Innere eines Wracks erfordert eine eigene Spezialausbildung (z. B. PADI Wreck Diver) und entsprechende Ausrüstung (Reel, Backup-Lampen)
  • Vorsichtige Flossentechnik: Aufgewirbeltes Sediment kann die Sicht für nachfolgende Taucher und für dich selbst auf der Rückseite des Tauchgangs erheblich verschlechtern

Fazit: Geschichte statt Korallen

Wracktauchen in der Ostsee ist kein Ersatz für einen tropischen Tauchurlaub – es ist eine völlig andere Erfahrung. Statt bunter Riffe erwarten dich Geschichte, Geheimnis und das besondere Licht, das durch trübes, grünliches Wasser auf jahrhundertealte Schiffsplanken fällt. Mit der richtigen Ausrüstung – vor allem einem Trockenanzug und ausreichender Erfahrung mit Kaltwasser – erschließt sich ein Tauchrevier direkt vor unserer Haustür, das viele internationale Taucher gezielt für genau diese Wracks anreisen lassen.

Max Hoffmann

Autor: Max Hoffmann

Max Hoffmann ist Tauchmediziner und CMAS-Instructor mit Sitz in Hamburg. Nach seinem Medizinstudium absolvierte er eine Zusatzausbildung in Tauch- und Hyperbarmedizin und betreut regelmäßig Tauchsportler in der Druckkammer. Mit über 2.200 Tauchgängen und Erfahrungen von arktischen Gewässern bis zu tropischen Riffen schreibt Max für Tauchgeist über Sicherheit, Gesundheit und die physikalischen Grundlagen des Tauchens.