Trockenanzug oder Nassanzug? Der große Ratgeber für alle Wassertemperaturen

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Nassanzüge eignen sich für Wassertemperaturen ab ca. 17–18 °C, Trockenanzüge für alles darunter
  • Ein Trockenanzug hält dich komplett trocken – über Dichtmanschetten an Hals und Handgelenken sowie einen wasserdichten Reißverschluss
  • Trockentauchen erfordert eine eigene Spezialausbildung wegen veränderter Tarierung
  • Neoprendicke beim Nassanzug: 3 mm (Tropen), 5 mm (Mittelmeer), 7 mm (Nordsee/Ostsee im Sommer)
  • Trockenanzüge: Neopren-Trockis sind isolierender, Membran-Trockis sind robuster und leichter zu warten

Die Grundfrage: Wann brauchst du überhaupt einen Trockenanzug?

Die Wassertemperatur entscheidet praktisch immer über die Wahl zwischen Trocken- und Nassanzug. Als grobe Faustregel gilt: Bei Wassertemperaturen über 17–18 °C ist ein guter Nassanzug völlig ausreichend – viele Taucher tauchen sogar bei niedrigeren Temperaturen noch im Nassanzug, wenn die Tauchzeit kurz ist. Sobald die Wassertemperatur darunter fällt oder die Tauchzeiten lang sind (Wracktauchen, Höhlentauchen, Fototauchgänge mit viel Stillstand), wird ein Trockenanzug zur sinnvollen oder notwendigen Investition.

In Deutschland bedeutet das konkret: Die Ostsee hat im Hochsommer an der Oberfläche oft 18–20 °C, aber in 15 Metern Tiefe nur noch 6–8 °C. Wer regelmäßig in deutschen, österreichischen oder skandinavischen Gewässern taucht, kommt um einen Trockenanzug kaum herum.

Der Nassanzug: Funktionsweise und Neoprendicke

Ein Nassanzug funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Eine dünne Wasserschicht zwischen Haut und Neopren wird durch deine Körperwärme erwärmt und isoliert dich dadurch. Das Neopren selbst – ein geschäumtes synthetisches Gummi mit eingeschlossenen Gasbläschen – isoliert zusätzlich. Je dicker das Neopren, desto besser die Isolation, aber desto eingeschränkter auch deine Beweglichkeit.

Welche Neoprendicke für welches Gewässer?

  • 3 mm: Tropische Gewässer (Rotes Meer, Karibik, Südostasien) ab ca. 26 °C
  • 5 mm: Mittelmeer im Sommer/Herbst (22–26 °C), milde Übergangszeit
  • 5/7 mm (Halbtrocken): Mittelmeer im Frühjahr, Ostsee im Hochsommer (18–22 °C)
  • 7 mm Halbtrockenanzug: Ostsee, Nordsee im Sommer (15–18 °C) – mit engen Dicht­manschetten an Hals und Handgelenken für minimalen Wasseraustausch
Nassanzüge im Überblick
Voll- und Halbtrockenanzüge in 3-7mm – für Mittelmeer, Rotes Meer und Übergangssaison

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Ab 7 mm und darunter wird es Zeit, ernsthaft über einen Trockenanzug nachzudenken – nicht nur wegen der Kälte, sondern auch, weil dicke Neoprenanzüge bei zunehmender Tiefe stark komprimiert werden und ihre Isolationswirkung verlieren.

Der Trockenanzug: Aufbau und Materialien

Ein Trockenanzug schließt deinen Körper vollständig vom Wasser ab. Über Dichtmanschetten aus Latex oder Neopren an Handgelenken und Hals sowie einen wasserdichten Reißverschluss (meist über Schulter oder Rücken) bleibt der Innenraum trocken. Darunter trägst du eine Isolationsschicht – meist einen Fleece- oder Thinsulate-Unterzieher – die für die eigentliche Wärmedämmung sorgt. Der Trockenanzug selbst ist primär eine „wasserdichte Hülle“; die Wärme kommt von der Unterbekleidung.

Neopren-Trockenanzug

Neopren-Trockis bestehen aus komprimiertem oder Crushed-Neopren. Sie bieten von sich aus eine gewisse Eigenisolation, sind angenehm flexibel und relativ verzeihend bei der Passform. Nachteil: Sie nehmen mit der Zeit etwas Wasser auf (minimal, aber spürbar) und sind etwas schwerer als Membran-Anzüge.

Membran-Trockenanzug

Membran-Trockenanzüge bestehen aus einer dünnen, robusten Lage Trilaminat oder ähnlichen Materialien – sie selbst isolieren kaum, dafür ist die gesamte Isolation über die Unterbekleidung frei wählbar und anpassbar. Vorteile: geringes Gewicht, sehr gute Passform-Anpassbarkeit über verschiedene Unterzieher (dünn im Sommer, dick im Winter), hohe Langlebigkeit und einfache Reparatur. Membran-Anzüge sind der Standard bei technischen Tauchern und in der kommerziellen Taucherei – wie auf unserem Titelbild zu sehen.

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Trockentauchen: Mehr als nur ein anderer Anzug

Der Wechsel vom Nass- zum Trockenanzug ist keine reine Materialfrage – er verändert die gesamte Tarierungsdynamik. Im Trockenanzug bildet sich beim Abtauchen eine Luftblase um deinen Körper, die mit zunehmender Tiefe komprimiert wird. Ohne Ausgleich würde der Anzug an dir „festkleben“ (Squeeze) und unangenehmen Druck erzeugen. Deshalb hat jeder Trockenanzug ein Inflator-Ventil zum Zuführen von Luft aus der Tauchflasche und ein Auslassventil (meist am Oberarm) zum Ablassen überschüssiger Luft.

Das bedeutet: Du tarierst jetzt mit zwei Luftpolstern – der Tarierweste (BCD) und dem Anzug selbst. Das erfordert Übung, vor allem um eine unkontrollierte Luftverschiebung in die Füße (mit anschließendem unkontrolliertem Aufstieg, dem sogenannten „Fußlufteinschluss“) zu vermeiden. Aus diesem Grund verlangen alle großen Tauchverbände (PADI, SSI, CMAS) einen Trockentauch-Spezialkurs, bevor du eigenständig mit Trockenanzug tauchst. Der Kurs dauert meist ein Wochenende und kostet 150–250 Euro plus Materialleihgebühr.

Unterbekleidung: Das unterschätzte Detail

Beim Trockenanzug entscheidet die Unterbekleidung über deinen Wärmehaushalt – nicht der Anzug selbst. Für milde Bedingungen (Mittelmeer im Winter, Ostsee im Sommer) reicht ein dünner Fleece-Unterzieher (ca. 100–200 g/m²). Für deutsche Seen im Winter oder Eistauchen sind dicke Thinsulate- oder Primaloft-Unterzieher (400 g/m² und mehr) nötig, oft kombiniert mit beheizbaren Westen für Vieltaucher.

Praxistipp: Investiere in zwei Unterzieher unterschiedlicher Dicke statt in einen sehr dicken. So kannst du den Anzug an unterschiedliche Saisons anpassen, ohne die Passform (und damit die Tarierung) komplett zu verändern.

Pflege und Lebensdauer

Sowohl Nass- als auch Trockenanzüge profitieren von Süßwasserspülung nach jedem Tauchgang. Bei Trockenanzügen ist besonders wichtig: Die Latex- oder Neoprenmanschetten an Hals und Handgelenken regelmäßig mit Talkum pudern, um sie geschmeidig zu halten und Risse zu vermeiden – ein gerissener Manschettendichtring kann einen geplanten Tauchurlaub ruinieren. Reißverschlüsse von Trockenanzügen sollten regelmäßig mit speziellem Reißverschlusswachs gepflegt werden.

Mit guter Pflege halten Membran-Trockenanzüge oft 10 Jahre und länger, Neopren-Trockis und Nassanzüge 5–8 Jahre, bevor das Material an Elastizität und Isolationswirkung deutlich verliert.

Fazit: Welcher Anzug für wen?

Wenn du hauptsächlich in warmen Reisegewässern tauchst – Rotes Meer, Malediven, Karibik – ist ein guter 3-5mm-Nassanzug alles, was du brauchst. Solltest du regelmäßig in europäischen Binnengewässern oder der Ostsee tauchen, führt langfristig kaum ein Weg am Trockenanzug vorbei. Die Investition (Anzug + Spezialkurs + Unterzieher liegt meist zwischen 800 und 1.500 Euro) lohnt sich für jeden, der mehr als ein paar Tauchgänge pro Jahr in kühleren Gewässern plant – nicht nur wegen des Komforts, sondern weil du bei angenehmer Körpertemperatur deutlich länger und konzentrierter tauchen kannst.

Stefan Meier

Autor: Stefan Meier

Stefan Meier ist zertifizierter PADI Divemaster mit über 1.800 Logbuch-Tauchgängen in mehr als 30 Ländern. Er taucht seit 22 Jahren und hat sich auf technisches Tauchen sowie Unterwasserfotografie spezialisiert. Als ehemaliger Tauchlehrer am Roten Meer kennt er die bekanntesten Riffs und Wracks aus eigener Erfahrung. Für Tauchgeist testet er aktuelles Equipment und berichtet von Tauchreisen weltweit.