Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Dekompressionskrankheit (DCS) entsteht durch Stickstoffblasen, die sich bei zu schnellem Druckabfall im Gewebe bilden
- Symptome reichen von leichten Gelenkschmerzen bis zu neurologischen Ausfällen und können verzögert auftreten
- Erste Hilfe: Sauerstoffgabe, Flachlagerung und sofortiger Transport in eine Druckkammer (hyperbare Sauerstofftherapie)
- Risikofaktoren: zu schneller Aufstieg, Auslassen von Sicherheitsstopps, Dehydration, Alkohol, Flugreisen kurz nach dem Tauchen
- Eine funktionierende Tauchunfallversicherung (z. B. DAN) sollte für jeden regelmäßigen Taucher selbstverständlich sein
Was ist die Dekompressionskrankheit?
Die Dekompressionskrankheit – häufig als „Taucherkrankheit“, „Bends“ oder mit dem Kürzel DCS (Decompression Sickness) bezeichnet – ist eine der ernstesten Gefahren beim Gerätetauchen. Sie entsteht durch ein physikalisches Grundprinzip: Beim Abtauchen löst sich unter dem erhöhten Umgebungsdruck mehr Stickstoff aus der Atemluft in deinem Blut und Gewebe, als das bei normalem Atmosphärendruck der Fall wäre.
Solange du unter Druck bleibst, ist dieser gelöste Stickstoff unproblematisch. Steigst du jedoch zu schnell auf, sinkt der Umgebungsdruck schneller, als dein Körper den überschüssigen Stickstoff über die Lunge abatmen kann. Der Stickstoff entweicht dann nicht kontrolliert, sondern bildet Gasblasen direkt im Blut und im Gewebe – vergleichbar mit dem Aufgehen einer Sprudelflasche, die man zu schnell öffnet. Diese Blasen können Blutgefäße blockieren, Gewebe schädigen und Entzündungsreaktionen auslösen.
Die zwei Typen der Dekompressionskrankheit
Mediziner unterscheiden traditionell zwei Schweregrade, die sich in Symptomatik und Dringlichkeit deutlich unterscheiden:
Typ I (Mild) – Muskuloskelettale und kutane Form
Bei Typ I treten Symptome vor allem in Gelenken, Muskeln und der Haut auf:
- Gelenkschmerzen („Bends“), oft in Schultern, Ellbogen oder Knien – dumpf, tief, häufig schwer zu lokalisieren
- Hautjucken oder marmorierte Hautveränderungen („Skin Bends“)
- Muskelschmerzen ohne klare Verletzungsursache
- Ungewöhnliche Müdigkeit, die über normale Tauch-Erschöpfung hinausgeht
Typ II (Schwer) – Neurologische, pulmonale und kardiovaskuläre Form
Typ II ist deutlich ernster und stellt einen medizinischen Notfall dar:
- Neurologische Symptome: Kribbeln, Taubheitsgefühle, Lähmungserscheinungen, Koordinationsstörungen, Sehstörungen
- Schwindel und Gleichgewichtsstörungen („Innenohr-Bends“)
- Atemprobleme: Atemnot, Brustschmerzen, Husten („Chokes“)
- Bewusstseinsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit
Wichtig: Symptome können sofort nach dem Auftauchen auftreten, sich aber auch über Stunden verzögern – die meisten Fälle zeigen sich innerhalb der ersten 24 Stunden, in seltenen Fällen auch später.
Erste Hilfe bei Verdacht auf Dekompressionskrankheit
Wenn bei dir selbst oder einem Buddy nach einem Tauchgang Symptome auftreten, die auf DCS hinweisen könnten, zählt jede Minute. Der Ablauf der Ersten Hilfe ist standardisiert und sollte jedem Taucher bekannt sein:
- 100 % Sauerstoff verabreichen – über eine Demand-Maske, sofern verfügbar. Hochkonzentrierter Sauerstoff beschleunigt die Ausscheidung von Stickstoff erheblich und ist die wichtigste Sofortmaßnahme
- Flachlagerung – die betroffene Person flach lagern, idealerweise auf dem Rücken. Die früher empfohlene Kopf-tief-Lagerung (Trendelenburg) wird heute nicht mehr empfohlen, da sie den Hirndruck erhöhen kann
- Ausreichend Flüssigkeit – falls die Person ansprechbar ist und nicht erbricht, Wasser anbieten. Dehydration verschlimmert DCS
- Notruf und nächste Druckkammer alarmieren – sofort den lokalen Notruf kontaktieren und, wenn möglich, parallel eine Tauchunfall-Hotline (z. B. DAN) anrufen, die bei der Koordination zur nächsten verfügbaren Druckkammer hilft
- Keine erneute Tauchgänge – auch nicht zur „Behandlung“ durch erneutes Abtauchen (sogenanntes „in-water recompression“). Dies wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert und sollte ohne medizinische Aufsicht und entsprechende Ausbildung nicht durchgeführt werden
- Transport liegend – wenn ein Lufttransport nötig ist, sollte dieser in möglichst niedriger Flughöhe (Druckkabine) erfolgen, da zusätzlicher Druckabfall die Symptome verschlimmert
Die hyperbare Sauerstofftherapie: Behandlung in der Druckkammer
Die definitive Behandlung der Dekompressionskrankheit erfolgt in einer Druckkammer (hyperbare Kammer) – wie auf unserem Titelbild zu sehen. Der Patient wird dort unter erhöhtem Druck mit reinem Sauerstoff behandelt. Dies erreicht zwei Effekte gleichzeitig: Erstens werden die Stickstoffblasen durch den erhöhten Druck physikalisch verkleinert (analog zum erneuten „Komprimieren“ der Sprudelflasche), zweitens beschleunigt die hohe Sauerstoffkonzentration den Abtransport des überschüssigen Stickstoffs und versorgt geschädigtes Gewebe mit Sauerstoff.
Eine typische Behandlung folgt standardisierten Druckprofilen (sogenannte „US Navy Treatment Tables“) und kann mehrere Stunden dauern – bei schweren Fällen sind auch mehrfache Behandlungen über Tage notwendig. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser sind die Heilungschancen, insbesondere bei neurologischen Symptomen.
Risikofaktoren: Was erhöht die Wahrscheinlichkeit für DCS?
Während DCS theoretisch auch bei „lehrbuchmäßig“ korrekt durchgeführten Tauchgängen auftreten kann (sogenannte „undeserved hits“), erhöhen folgende Faktoren das Risiko deutlich:
- Zu schneller Aufstieg – die häufigste vermeidbare Ursache
- Auslassen von Sicherheitsstopps – meist bei 5 Metern für 3-5 Minuten
- Mehrere Tauchgänge ohne ausreichende Oberflächenpause – Restickstoff aus vorherigen Tauchgängen erhöht die Gesamtbelastung
- Dehydration – verringert die Effizienz des Gasaustauschs im Blut
- Alkohol vor oder nach dem Tauchen – fördert Dehydration und beeinträchtigt die Durchblutung
- Anstrengung während oder kurz nach dem Tauchgang – körperliche Belastung kann die Blasenbildung begünstigen
- Flugreisen zu kurz nach dem Tauchen – Faustregel: mindestens 12-24 Stunden Abstand zwischen letztem Tauchgang und Flug, je nach Anzahl und Tiefe der Tauchgänge
- Kälte – verringert die periphere Durchblutung und damit die Stickstoffausgasung
- Übergewicht und Alter – werden in epidemiologischen Studien als statistische Risikofaktoren diskutiert
Prävention: So minimierst du dein Risiko
Die meisten DCS-Fälle sind durch konsequente Einhaltung grundlegender Regeln vermeidbar:
- Halte dich strikt an die Aufstiegsgeschwindigkeit deines Tauchcomputers (üblicherweise max. 9-10 m/min)
- Führe immer einen Sicherheitsstopp durch, auch wenn dein Computer ihn nicht zwingend vorschreibt
- Trinke ausreichend vor und nach dem Tauchgang
- Plane konservativ – nutze die Sicherheitsfaktoren deines Tauchcomputers, statt an die Limits zu gehen
- Halte ausreichende Oberflächenpausen zwischen Tauchgängen ein
DAN-Mitgliedschaft: Warum sie sich lohnt
Organisationen wie DAN (Divers Alert Network) bieten spezialisierte Tauchunfallversicherungen und 24/7-Notfall-Hotlines an, die im Ernstfall den Unterschied machen können – sowohl bei der schnellen Lokalisierung der nächsten verfügbaren Druckkammer als auch bei der Kostenübernahme für teils sehr kostenintensive Behandlungen und Rücktransporte. Für jeden, der regelmäßig taucht – insbesondere im Ausland, wo die nächste Druckkammer mitunter Stunden entfernt ist – gehört eine solche Mitgliedschaft zur Grundausstattung, ebenso wie ein gut gewarteter Atemregler oder ein verlässlicher Tauchcomputer.
Fazit: Respekt vor der Physik, nicht Angst vor dem Tauchen
Die Dekompressionskrankheit ist real und kann ernste Folgen haben – aber sie ist auch eines der am besten verstandenen und am zuverlässigsten vermeidbaren Risiken des Tauchens. Wer Aufstiegsgeschwindigkeiten respektiert, Sicherheitsstopps einhält, ausreichend trinkt und konservativ plant, reduziert sein Risiko drastisch. Sollte trotzdem einmal etwas passieren: Sauerstoff, Flachlagerung, schneller Transport zur Druckkammer – dieses Wissen kann im Ernstfall ein Leben retten.

