Unterwasser-Müllsammelaktion: Wie Taucher aktiv Meeresschutz betreiben

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Project AWARE’s „Dive Against Debris“ ist das größte globale Citizen-Science-Programm für Unterwasser-Müllsammlung
  • Jeder gemeldete Tauchgang trägt zu einer weltweiten Datenbank bei, die Forschung und Politik beeinflusst
  • Die häufigsten Funde: Plastikfolien, Flaschen, Fischereiausrüstung („Geisternetze“) und Einwegartikel
  • Sicherheit geht vor: Müllsammeln darf die normale Tarierung, Tauchzeit und Aufmerksamkeit nicht gefährden
  • Viele Tauchbasen bieten regelmäßige, organisierte Cleanup-Dives an – oft kostenlos oder gegen Spende

Das unsichtbare Problem unter der Oberfläche

Wer regelmäßig taucht, kennt das Bild: ein Stück Plastikfolie, das träge zwischen Korallenköpfen schwebt – wie auf unserem Titelbild – eine verlassene Angelschnur, die sich um eine Gorgonie gewickelt hat, oder eine Glasflasche, halb im Sand vergraben. Was an der Oberfläche oft unsichtbar bleibt, begegnet Tauchern unter Wasser unmittelbar und greifbar. Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich mehrere Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane gelangen – ein Großteil davon sinkt, verteilt sich am Meeresboden oder verfängt sich in Riffstrukturen.

Die gute Nachricht: Taucher sind nicht nur Zeugen dieses Problems, sondern eine der wenigen Gruppen, die tatsächlich direkten Zugang zu den betroffenen Bereichen haben – und damit auch die Möglichkeit, aktiv etwas zu verändern.

Dive Against Debris: Citizen Science unter Wasser

Das bekannteste und am weitesten verbreitete Programm in diesem Bereich ist Dive Against Debris von Project AWARE, einer gemeinnützigen Organisation mit engen Verbindungen zur PADI-Tauchcommunity. Das Konzept ist denkbar einfach, aber wirkungsvoll: Bei jedem regulären oder speziell organisierten Tauchgang sammeln Taucher Müll ein – und dokumentieren dabei systematisch, was sie gefunden haben, wo und in welcher Menge.

Diese Daten werden anschließend über die Project-AWARE-Plattform in eine globale Datenbank eingespeist. Was nach einer netten Geste klingt, hat tatsächlich messbare Wirkung: Die gesammelten Daten wurden bereits genutzt, um lokale Regulierungen zu Einwegplastik zu unterstützen, Hotspots für gezielte Aufräumaktionen zu identifizieren und langfristige Trends in der Müllzusammensetzung verschiedener Regionen zu dokumentieren – etwa den Rückgang bestimmter Plastiktüten-Typen nach Einführung lokaler Verbote.

Was Taucher typischerweise finden

Die Auswertungen von Dive-Against-Debris-Daten zeigen ein erkennbares Muster, das sich weltweit wiederholt:

  • Plastikfolien und -tüten: Der häufigste Einzelfund – leicht, treiben oft frei im Wasser und werden gerne mit Quallen verwechselt, was sie besonders gefährlich für Meeresschildkröten macht
  • Getränkeflaschen und -verschlüsse: Sowohl Plastik- als auch Glasflaschen gehören zu den häufigsten Funden in Küstennähe
  • „Geisternetze“ und Fischereiausrüstung: Verlorene oder zurückgelassene Netze, Leinen und Reusen gehören zu den gefährlichsten Funden – sie fangen weiterhin Fische und größere Tiere, oft über Jahre
  • Einwegartikel: Strohhalme, Besteck, Wattestäbchen – kleine Gegenstände, die unverhältnismäßig häufig gefunden werden
  • Mikroplastik: Zunehmend dokumentiert, aber schwer durch einfaches Aufsammeln zu adressieren – hier sind eher systemische Lösungen gefragt

Sicherheit zuerst: So sammelst du Müll richtig

Müllsammeln unter Wasser klingt nach einer guten Sache – kann aber bei unbedachter Durchführung selbst zum Sicherheitsrisiko werden. Einige wichtige Grundsätze:

  • Tarierung hat Vorrang: Versuche niemals, einen sperrigen oder schweren Gegenstand zu bergen, der deine Tarierung gefährdet – insbesondere unkontrollierten Auftrieb verursachen könnte
  • Niemals in Wracks oder Höhlen eindringen, um Müll zu bergen: Das gilt auch für scheinbar „leicht erreichbare“ Gegenstände – Penetration erfordert eigene Spezialausbildung
  • Vorsicht bei verfangenen Tieren in Netzen: Wenn ein lebendes Tier in einem Netz verfangen ist, ist äußerste Vorsicht geboten – sowohl für das Tier als auch für dich. Im Zweifel die Tauchbasis informieren, die oft auf solche Situationen vorbereitet ist
  • Scharfe Gegenstände: Glasscherben, Angelhaken oder Metallteile mit Handschuhen anfassen und in geeigneten Beuteln transportieren, um Verletzungen und beschädigte Tarierwesten zu vermeiden
  • Eigene Tauchzeit und -tiefe nicht überschreiten: Das Sammeln von Müll ist eine zusätzliche Aufgabe – die regulären Limits für Tauchzeit, Tiefe und Dekompression gelten unverändert

Wie du mitmachen kannst

Es gibt mehrere Wege, dich aktiv an Cleanup-Aktionen zu beteiligen:

Organisierte Cleanup-Dives über Tauchbasen

Viele Tauchbasen weltweit bieten regelmäßig (oft monatlich) organisierte Müllsammel-Tauchgänge an – häufig kostenlos oder gegen eine kleine Spende für die Bootskosten. Diese Events sind ideal für Einsteiger ins Thema: Erfahrene Guides leiten die Aktion, stellen Sammelnetze zur Verfügung und organisieren die korrekte Entsorgung des gesammelten Materials an Land.

Eigenständig dokumentieren mit Dive Against Debris

Auch bei „normalen“ Freizeit-Tauchgängen kannst du eigenständig kleinere Mengen Müll mitnehmen – ein kleiner Faltbeutel am BCD reicht oft aus. Über die Project-AWARE-App oder -Website lassen sich Funde anschließend dokumentieren und der globalen Datenbank hinzufügen.

Internationaler Coastal Cleanup Day

Jedes Jahr im September findet der International Coastal Cleanup statt – ein weltweiter Aktionstag, an dem Freiwillige (Taucher und Nicht-Taucher) gemeinsam Strände und Küstengewässer von Müll befreien. Viele Tauchclubs und -basen organisieren an diesem Tag spezielle Events.

Über das Sammeln hinaus: Prävention beginnt vorher

So wertvoll Cleanup-Dives sind – sie behandeln Symptome, nicht Ursachen. Als Taucher kannst du auch im Alltag einen Unterschied machen: durch bewussten Konsum von Einwegplastik, durch die Wahl von Tauchbasen, die sich aktiv für Nachhaltigkeit einsetzen (wie auf der DEMA Show 2025 mehrfach thematisiert), und durch das Weitertragen deiner Unterwasser-Erfahrungen an Freunde und Familie, die das Problem oft nur abstrakt aus den Nachrichten kennen.

Fazit: Kleine Aktionen, große Wirkung

Niemand erwartet von einem einzelnen Taucher, die Ozeane vom Plastik zu befreien – das wäre weder realistisch noch der Punkt. Was zählt, ist die Summe: Tausende Taucher weltweit, die bei jedem Tauchgang ein Stück Müll mitnehmen, die ihre Funde dokumentieren und damit eine der wertvollsten Citizen-Science-Datenbanken zum Zustand unserer Riffe und Küsten füttern. Wenn du das nächste Mal ein Stück Plastik im Wasser siehst – wie die Tüte auf unserem Titelbild – nimm es mit. Es ist ein kleiner Akt, der sich zu etwas Größerem summiert.

Max Hoffmann

Autor: Max Hoffmann

Max Hoffmann ist Tauchmediziner und CMAS-Instructor mit Sitz in Hamburg. Nach seinem Medizinstudium absolvierte er eine Zusatzausbildung in Tauch- und Hyperbarmedizin und betreut regelmäßig Tauchsportler in der Druckkammer. Mit über 2.200 Tauchgängen und Erfahrungen von arktischen Gewässern bis zu tropischen Riffen schreibt Max für Tauchgeist über Sicherheit, Gesundheit und die physikalischen Grundlagen des Tauchens.